Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der österreichische Bands
sich in kleine Studios zwängten, meist für zwei bis vier Tage (also
sehr wenig Zeit für Einspielen und Abmischen), um auf einer schon
damals verstaubten "Fostex"-Bandmaschine ein paar Songs aufzunehmen.
Und das alles durfte sich nur auf absolut niedrigem Preisniveau
abspielen. Das Ergebnis waren 4-Track-Demoaufnahmen, die nicht selten
in den eigenen Regalen der Musiker hängengeblieben sind.
Sicher
hat es das digitale Homerecording möglich gemacht, dass dieser Tage
selbst in kleinen Kämmerchen Gitarren, Bass, Stimmen und sogar
Schlagzeug in guter Qualität aufgenommen werden können. Und trotzdem
hat sich in den letzten Jahren viel am österreichischen Musiksektor
bewegt. Die Produktionen sind professioneller und die Arrangements
ausgeklügelter geworden, der Standard ist mehr als nur merklich in die
Höhe geschnellt. Neben Altgedienten wie Heinz, Tosca oder Urbs und den
"neuen" Bands wie Roter Stern Silberstern, Jonas Goldbaum, Velojet oder
Data Hero, die alle in diesem noch jungen Jahr eine Platte
veröffentlicht haben, gesellt sich eine weitere heimische Formation in
diesen Reigen: Wa:rum
Der luftleere Raum
"Wir sind mit dem Ergebnis schon sehr zufrieden",
meinen Bernhard Eder (Sänger/Gitarrist) und Stefan Kastner (Bassist),
die zwei Heads von der Rockformation Wa:rum. Obwohl der nötige Abstand
noch fehlt, kann die Band sich vorerst auch wirklich glücklich
schätzen. "Bilingual", das neue Wa:rum-Album ist eine rundum schöne
Pop-Rock-Platte geworden, die sich weder in Sachen Produktion, noch
Arrangement hinter anderen Veröffentlichungen verstecken muss.
Und trotzdem ist es so eine Sache: Nach beinahe zwei Jahren harter
Arbeit an den Songs, nach unentwegtem Fokussieren auf das Ergebnis,
findet man sich nicht selten in einem Gemütszustand, der dem Schweben
im luftleeren Raum gleichzusetzen ist. Es fehlen Angel- und
Anknüpfungspunkte, sowie Orientierung und Abgrenzung in Bezug auf das
musikalische Umfeld. Aber dies ist noch nie leicht für die
Oberösterreicher Wa:rum gewesen:
Bernhard:
"Bei uns war es oft so, dass wir für Konzerte oder Festivals
gebucht worden sind, bei denen viel härtere Musik gespielt wurde.
Andererseits sind wir letztes Jahr im Wiener 'Porgy&Bess'
aufgetreten, das war eher ein Singer/Songwriter Umfeld. Also wandeln
wir eigentlich schon von Anfang an zwischen diesen zwei Pfaden."
Bilingual ...
Dieses
aus der Geschichte heraus zum Prinzip gewordene und sich
verselbstständigende Wandeln zwischen den Pfaden macht sich gerade auf
dem neuen Wa:rum-Album bemerkbar.
Zum einen werden - wie der Plattentitel schon nahelegt - die
Songtexte in Englisch und Deutsch geschrieben. Eigentlich eher
ungewöhnlich, birgt dies nicht zuletzt die Gefahr in sich, am Markt
zwischen die "Neuer Deutschrock" und "Alternative-Indie" Stühlen zu
fallen.
Stefan:
"Die Entscheidung war gar nicht so einfach, ein Album
herauszubringen, auf dem 10 Titel oben sind und das in gemischter
Sprache. Während den zwei Jahren der Entstehungsphase haben wir uns
schon öfters überlegt, ob wir das so machen sollen."
Bernhard:
"Wir haben nicht extrem daran gezweifelt, ob es funktionieren
kann. Es waren eher Leute von außen, die dieses Konzept kritisiert und
gesagt haben: Das könnt ihr nicht machen!"
Stefan:
"Wir haben dann darauf gesagt: Wir machen es trotzdem."
Und diese Entscheidung war richtig, denn wo mancher Song auf
Deutsch extrem gut funktioniert (wie die Single "sonntaeglich"
beispielsweise), wäre das englische Äquivalent wohl eher oberflächlich
ausgefallen. Hier sei jedoch noch angemerkt, dass gerade die
sprachliche Realisation jener Punkt ist, der noch verbessert werden
könnte.
... und bimusikal
Zum
anderen wandeln Wa:rum auch musikalisch auf zwei verschiedenen Pfaden.
So wechseln sich ruhige, elegische Nummern, bei denen gerade die
stimmlichen Qualitäten von Bernhard besonders gut zur Geltung kommen,
mit rockigen uptempo-Songs ab. Nach erstmaligem Hören stellt sich das
Gefühl ein, dass vor allem die ruhigeren, einfühlsameren Tracks der
Band besser zu Gesicht stehen. Das hat nicht zuletzt mit Bernhards
Vorliebe für melancholische Musik zu tun.
Bernhard:
"Die Präferenz beim Live-Spielen liegt eindeutig bei den
rockigen Liedern. Aber an sich bin ich schon ein kleiner Melancholiker." (lacht)
Stefan:
"Wobei man sagen muss, dass die langsameren Nummern bei
Live-Konzerten einen ganz anderen Reiz haben. Da haben wir das Publikum
schon immer wieder überraschen können, wenn ein Gig mit nur akustischer
Gitarre und Bernhards Stimme anfängt. Gerade wenn davor und danach
Bands spielen, die ausschließlich abrocken."
Vielleicht ist gerade dieses Spannungsfeld, dieses "zwischen den
Schubladen stecken" genau das, was diese Band und ihre Produktion so
interessant macht.
Das Glück der Tüchtigen?
Eigentlich
grenzt es fast schon an Glück, dass "Bilingual" erschienen ist. Denn
seit Wa:rum sich ihre Gitarren umgeschnallt haben, gab es immer wieder
"Probleme" mit der Rhythmussektion. Schon einige Schlagzeuger wurden in
die Band und den Sound integriert und nach einigen Jahren wieder
subtrahiert. Dabei waren persönliche Streitigkeiten nie Beweggründe.
Meist waren es verschiedene Lebenphasen und persönliche
Lebensentscheidungen, die unterschiedliche Wege zur Folge hatten. Das
bedeutet intern oft auch einen mühevollen "Schritt zurück". Dass dabei
die Motivation, dieses fragile Bandvehikel am Laufen zu halten, sehr
strapaziert wird, ist klar.
Stefan:
"Unser erster Schlagzeuger hat nach achteinhalb Jahren die Band
verlassen, um nach Spanien zu gehen und dort zu studieren. Hannes
Dullinger, der die Platte auch eingespielt hat, hatte sich schon vor
den Aufnahmen vorgenommen, fix nach Berlin zu gehen."
Bernhard:
"Wie unser letzter Schlagzeuger weg ging, habe ich mir schon
gedacht: Ach, wieder das Ganze von vorne, das ganze Proben ... Aber zu
diesem Zeitpunkt war die Platte schon im Endstadium."
Stefan:
"Gott sei dank!" (allgemeines Lachen)
Dieses "Gott sei dank" kann ich nur unterstützen. Denn wenn Wa:rum
nicht einen solch langen Atem gehabt hätten, wären wir um eine weitere,
sehr gute österreichische Rockplatte ärmer. Bleibt nur zu hoffen, dass
das Echo auf Wa:rums "Bilingual" groß genug ist, um den sympathischen
Oberösterreichern genug Kraft und Motivation zu geben, auch weiterhin
auf ihren Zwischenpfaden durch die heimische Musiklandschaft zu wandeln.
Livekonzerte
Wa:rum präsentieren ihr neues Album "Bilingual" live:
Am Mittwoch 15. Juni im Wiener Chelsea und beim Donauinselfest am Freitag, den 24. Juni um 17 Uhr auf der Menschenrechtsbühne.
Ein ausführliches Interview mit Wa:rum und eine Listening Session durch das neue Album könnt ihr am kommenden Sonntag, den 12. Juni in der Nacht im FM4 Soundpark hören.